Der Sohn vom alten Wastel

© Jens Große-Brauckmann

Der alte Wastel liegt mal wieder in seiner Hundehütte und  langweilt sich.
Die Mücken schwirren um ihn herum. Es juckt! Wastel kratzt sich  am Ohr. Sein Sohn Benno tollt mit einem kleinen Ball herum.
Es ist Sommer und die Sonne scheint erbarmungslos vom Himmel  herab.
"Benno, du verbrennst dir den Pelz in der warmen Sonne", ruft  Wastel seinem Sohn zu. "Du spinnst! So heiß ist es nicht", erwidert Benno.
Als der Tag zur Neige geht, liegt Wastel immer noch in der  Hütte. Der
Hauskater Barni sitzt vor dem Kellerfenster. Er faucht, als er Benno  auf sich zutraben sieht.
"Barni, hör auf", sagt er als er an dem Kater vorübergeht.
Es ist schon spät, die Nacht ist hereingebrochen. Barnis Augen  funkeln in der Dunkelheit. Wastel schnarcht. Benno hat es sich auch in seiner  Hundehütte bequem gemacht.
Am Morgen ertönt ein lautes Geräusch, von dem alle erwachen.  Der Bauer hat seinen Traktor angeworfen. Wastel gähnt.
"Schon wieder aufstehn?", murmelt Benno noch ganz verschlafen.
Ein leises flehendes Fiepen ist aus dem Mülleimer nebenan zu  vernehmen.
Benno spitzt die Ohren. Wastel scheint das nicht zu intressieren.  Benno hält es vor Neugier nicht an seinem Platz und wagt sich an den Eimer  heran. Vorsichtig stupst er ihn mit der Nase an und plötzlich fällt der Eimer  um. Zum Vorschein kommt eine kleine Maus, die eilig das Weite suchte.
"Eine Maus, es ist nur eine Maus!", stellt Wastel gelangweilt  fest.
Gegen Mittag gibt es was zu fressen.
"Wieder dieses billige Hundefutter, immer gibt es nur  Hundefutter!", mäkelt Benno.
"Reg' dich nicht auf, andere haben es viel schlechter als du",  versucht
Wastel seinen Sohn zu belehren.
Am Nachmittag kommt Kaspar der Spitz vom Nachbarhof zu Besuch.
"Hast Du mal wieder Neuigkeiten für uns, Kaspar?", fragt Benno  ihn.
Wastel und Barni spitzen die Ohren. Kaspar erzählt, dass in der  alten
Hauswirtschaftsschule morgen Mittag wieder leckere Sachen gekocht werden.
"Wenn ihr mögt, können wir morgen mal wieder ein bisschen  stibitzen gehen", schlägt Kaspar seinen Freunden vor.
"Oh prima, da gibt es sicher wieder Fisch", freut sich Benno.
Am nächsten Tag gegen elf Uhr traben die vier los. Es riecht  schon bald sehr lecker.
"Pudding, ich liebe nichts mehr als Pudding!", japst Kaspar.
Die Küche ist im Keller der Schule. Die Schülerinnen stellen  zum Abkühlen immer alles auf die Kellerfensterbänke.
Benno hat Wurstbrote entdeckt. Er freut sich: "Endlich mal was  anderes als billiges Hundefutter."
Die Freude ist kurz, denn die Schülerinnen haben die vier  entdeckt. Sie
scheuchen sie weg und schließen die Fenster.
"Das Kotelett war gut!", stellt Wastel fest.
"Mir hat es auch geschmeckt. Die Sardinen waren lecker!",  erwidert Barni.
An einem Nachmittag spaziert die feine Hundedame Lillien mit  ihrem Herrchen die Straße entlang. Benno hatte schon immer ein Auge auf sie  geworfen.
"Na los Benno, begrüß die feine Lady!", fordert Wastel seinem  Sohn auf.
Benno und Lillien beschnuppern sich. Lillien scheint nicht so  begeistert zu
sein. Benno bellt sie an.
"Das schickt sich nicht in meinen Kreisen", sagt Lillien  schnippisch und
schaut ihn von oben herab an.
In den folgenden Nächten träumt Benno nur noch von Lillien.  Dann gesteht er Wastel seine Liebe zu Lillien.
"Aber Benno, diese Dame bevorzugt nur Rüden von der edlen  Sorte, du bist aber nur ein Mischling", tröstet er ihn.
"Aber wenn sie mich doch auch liebt?", will Benno wissen.
"Ach Benno, sie beachtet dich doch kaum. Hast du das denn nicht  bemerkt?", fragt der Vater.
Benno schleicht traurig in seine Hundehütte. Er frisst kaum  noch etwas. Ihm geht es sehr schlecht und er fühlt sich hundeelend. Nachts heult  er manchmal.
Wastel und Barni können das Elend kaum noch mit ansehen. Sie  versuchen ihn zu trösten, aber Benno liegt nur noch flach da.
"Ja, ja, die erste Liebe!", stellt Wastel nüchtern fest. "Ja,  ja, das kenn'
ich!", erwidert Barni.
Nach sechs Wochen Trauer geht es Benno dann wieder besser.  Lillien ist ihm inzwischen egal, sagt er.
Ein Jahr später ist Benno stolzer Vater von sechs  Mischlingswelpen. Er hat doch noch die zu ihm passende Hundedame gefunden und  ist mit seiner kleinen Familie sehr glücklich.

* * *